Sozialistische Bildungspolitik

„Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.“

– Karl Marx/Friedrich Engels

Wir Jusos wollen eine andere Bildungspolitik eine Bildungspolitik, die den Menschen nicht auf seine spätere Funktion als „Humankapital“ der Wirtschaft trimmt, sondern eine Politik die den Menschen zu einem kritischem und sozialen Wesen bildet. Wir orientieren uns hierbei an unseren erfolgreichen Nachbarn im Norden. Wir wollen skandinavische Bildungspolitik auch in Deutschland durchsetzen, weil diese nachweislich besser und gerechter ist. Der Aufstieg durch Bildung, wie ihn Sozialdemokrat*innen seit jeher zu Recht fordern, ist abhängig von vielen Faktoren, die wir versucht haben in allgemeinen Thesen zusammenzufassen. Eins ist jedoch allen gemein: Unsere Forderungen und das Ziel einer gerechten Bildungspolitik kostet zuerst einmal viel Geld und ist außerdem in einem gesellschaftlichen System, das automatisch Verlier und Verliererinnen erzeugen muss, schwer umsetzbar. Während das kapitalistische Bildungsverständnis die Aufrechterhaltung der Spaltung in soziale Klassen manifestiert und reproduziert sehen wir Bildung als Instrument zur freien Persönlichkeitsentfaltung und als Vehikel zur Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Bildungspolitik ist also eng verbunden mit der ungelösten sozialen Frage. Hier jedoch erst einmal unsere 4 Thesen zu guter, sozialdemokratischer Bildungspolitik:

Vorwort

Das sozialdemokratische Verständnis von Bildung hält am Anspruch fest, dass die bestmögliche Entwicklung individueller Fähigkeiten und die Erziehung zu autonomen und vernünftigen Menschen das Ziel der Bildungspolitik bleiben muss. Bildung dient damit direkt und indirekt der Selbstverwirklichung und dem hohen Ideal der Aufklärung, verstanden als „den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant).  Als Sozialdemokrat*innen können wir aber die Bildungspolitik nicht getrennt von gesellschaftlichen Zuständen sehen und stellen fest, dass Bildung oft mit Qualifikation gleichgesetzt wird, um bestehende Ungleichheiten „objektiv“ zu rechtfertigen. Bildung und Qualifikation sind aber mitnichten dasselbe und können sogar in einem konträren Verhältnis zueinander stehen. Für uns steht der aufklärerisch-emanzipatorische Aspekt von Bildung im Vordergrund unserer Betrachtungen.

These 1

Verbesserung der Lernatmosphäre: Das Umfeld der Lernenden, egal ob Schülerinnen und Schülern, Studierenden oder Auszubildenden, ist maßgeblich am Erfolg des/der einzelnen beteiligt. Ist das Lernumfeld eines Klassenverbandes prekär, verschlechtert sich meist auch die Leistung der Klassengemeinschaft. Um selbigem vorzubeugen, gilt es, mehr Lehrer*innen einzustellen um kleinere Klassen zu generieren. Diese Maßnahme allein entschärft etwaige Probleme unter den Lernenden und führt dazu, dass jede und jeder während der Schulzeit die Chance hat sich adäquat einzubringen. Die durch den demographischen Wandel ermöglichte Chance, mehr Lehrende pro SchülerIn zu verwirklichen, muss konsequent genutzt werden.

Außerdem sollte sich die SPD darum bemühen, pro Klasse eine oder einen Sozialpädagogen/in, zur individuellen Betreuung von lernschwächeren oder –stärkeren Kindern, verbindlich festzuschreiben. Gravierende Mängel an öffentlichen Bildungsstätten müssen behoben werden. Dies reicht von Sanierung alter Hörsäle bis zur Bereitstellung von Geldern für moderne Computer für Informatik bis zum Ersatz alter und kaputter Sportgeräte. Zur Verbesserung der Lernatmosphäre gehört unserer Meinung nach auch, dass die Schule ein Ort des sozialen Kontakts und der eigenen Freizeitgestaltung wird. Es sollten sportliche, künstlerische, musische und soziale Arbeitsgemeinschaften angeboten werden, um den Schüler*innen Möglichkeiten 48 zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu bieten. Für uns Jusos steht fest, dass das oft bemängelte „abhängen“ Jugendlicher, steigender Drogenkonsum und der sogenannte „Verfall der Sitten“, an dem sich gerade Konservative stören, darauf zurückzuführen ist, dass Jugendliche perspektivlos in ihre Zukunft schauen und ihnen die Gesellschaft bestenfalls gleichgültig, oder sogar repressiv entgegentritt. Auf dieser kritischen Analyse muss sozialdemokratische Bildungspolitik aufbauen und ein Programm gesamtgesellschaftlicher und bildungspolitischer Alternative bieten. Dazu gehört unserer Meinung nach auch ein bundeseinheitliches Schulsystem.

These 2

Individualität und Bildung: Bildung ist Menschenrecht. Dieses Recht hat jedoch eine individuelle Natur, d.h. wird Bildung in einem zu engen Rahmen erfahren, als Verengung eines ganzheitlichen Wissens auf einige wenige Kernpunkte (z.B. Geschichte als Aneinanderreihung von geschichtlichen Daten). So stellt sich schnell Ernüchterung bei den Lernenden ein. Lernen wird zur reinen „Büffelei“. Die SPD muss Maßnahmen ergreifen und Ziele definieren die Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Studierenden ein Höchstmaß an Individualität und Persönlichkeitsbildung im Bildungssystem zu sichern. Ein wichtiger Schritt wäre in diesem Zusammenhang, dass die „Verschulung“ des Studiums, welche durch den Bologna-Prozess begann, beendet wird. Gerade das Studium muss eine Phase kritischer Auseinandersetzung mit Wissenschaft und ganzheitlichem Wissen bleiben. Ein Anfang könnte mit der Abschaffung der Profiloberstufe gemacht werden. Menschen in ein Profil zu pressen passt nicht zur Ethik sozialdemokratischer Bildungspolitik. Eine Rückkehr zum differenzierten Kurssystem erhöht die persönliche Freiheit des/der einzelnen sich im Rahmen seiner/ihrer Neigungen fächerübergreifend zu bilden. Außerdem ist in diesem Zusammenhang das sogenannte G8-Abitur abzulehnen. Hierbei soll auf Kosten der Bildung zum selbstbestimmten Menschen die Ausbildung zum „Humankapital“ der Wirtschaft forciert werden. Es gilt die „Ökonomisierung“ elementarer Menschenrechte zu verhindern und ein Zeichen für emanzipativ-sozialdemokratische Bildungspolitik zu setzen! Freiräume in Schulen können z.B. auch durch Demokratisierung gewonnen werden, d.h. mehr Mitbestimmung, Selbstbestimmung und Beteiligung an schulorganisatorischen und unterrichtsrelevanten Themen. Die Bereitschaft von Lehrenden, Schüler*innen und Eltern sich in schul- und bildungspolitischen Fragen einzubringen wird um so größer und motivierter sein, je weiter der Rahmen ist und je gewichtiger die Inhalte sind, über die zu entscheiden ist. Das Ziel dabei soll nicht eine Reihe von stündlichen Abstimmungen über Nichtigkeiten sein, sondern transparente Einigungen herbei führen, mit der alle einverstanden sein können und deren kollektiver Nutzen im Vordergrund steht. Schüler*innen sollen hierbei mehr Einfluss auf die Schulpolitik gewinnen und vom Objekt staatlicher Verwaltung zu einem Subjekt bildungspolitischer Entscheidungen werden. Dafür bedarf es aber z.B. auch grundlegender politischer Recht an den Schulen wie z.B. das Recht auf Schulstreik! Die Trennung von Kirche und Staat muss, gerade an Schulen, konsequent vollzogen werden. Verbindlicher Religionsunterricht ist ebenso abzulehnen, wie das Anbringen konfessioneller Symbole in Schulen und Klassenräumen.

These 3

Kostenfreie Bildung und Chancengleichheit: Ein anderer Aspekt der Freiheit und Individualität im Bildungssystem ist die Chancengleichheit. Derzeit wird dem deutschen Bildungssystem bescheinigt, dass es eines der sozial-selektivsten Bildungssysteme weltweit ist. Für uns Sozialdemokrat*innen ist dies ein unhaltbarer Zustand! Bildung darf nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängig sein. Deswegen ist es unerlässlich im Sinne sozialer Gerechtigkeit, und auch im Anbetracht dessen, dass in Deutschland gut gebildete Fachkräfte fehlen, auch ökonomisch dringend geboten, dass Bildungsblockaden abgebaut werden. Das heißt von der Krippe bis zur Universität keinerlei Gebühren zu erheben. Insbesondere Studiengebühren gehören bundesweit abgeschafft weil sie sich nachweislich negativ auf die Studienanfängerquote auswirken. Desweiteren muss endlich wirkliche Lernmittelfreiheit garantiert werden, die auch für Kopierkosten und Deutschbücher greift. Der BAföG-Satz muss dringend der Inflation angepasst werden, sowie langfristig zu einer bedarfsdeckenden, eltern- und altersunabhängigen Studienfinanzierung mit Vollzuschuss ausgebaut werden. Die wichtigste kurzfristige Maßnahme um die Chancengleichheit deutlich zu erhöhen wäre die Übernahme der Schulbeförderungskosten bis zur 13. Klasse. Dass eine Monatskarte für den Bus von bis zu 60 Euro gerade Schüler*innen ärmerer Familien davon abhält, auf weiterführende Schulen zu gehen, liegt auf der Hand, und fördert die soziale Polarisierung die auch immer eine Frage der Bildung ist. Die Pläne der schwarz-gelben Landesregierung die Schulbeförderungskosten zu privatisieren, lehnen wir entschieden ab! Nicht nur jeder Schüler, jede Schülerin und die Studierenden verdienen alle gleiche Chancen sondern auch alle Auszubildenden. Ein wichtiger Schritt junge Menschen mittels Ausbildung ins Berufsleben zu integrieren wäre eine Ausbildungsplatzumlage wie wir Jungsozialist*innen sie auf Bundesebene schon lange fordern. Bei diesem Modell zahlen die Betriebe die gar nicht oder wenig ausbilden einen Beitrag zu Gunsten der Betriebe die mehr Menschen ausbilden. Gerade der Mittelstand, der überdurchschnittlich viel ausbildet, würde zu Ungunsten von Großunternehmen von dieser Maßnahme profitieren. Um Chancengleichheit aber wirklich herzustellen reichen diese Maßnahmen alleine nicht aus. Dafür müsste sichergestellt werden, dass jeder Mensch nicht von vorneherein nach seinen „objektiven“ Fähigkeiten auf verschiedene Schulformen verteilt wird. Eine zu frühe Aufteilung hat schwere Folgen für die Zukunft der Kinder, weil niemand bestimmen kann, wie sich der/die einzelne entwickeln wird, zu einem großen Teil wird aus dieser Trennung nach „Fähigkeiten“ eine Trennung nach sozialer Herkunft. Arbeiterkinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund leiden am meisten am bestehenden System. Es herrscht offener Klassismus bei jenen, die versuchen, diese Praxis zu rechtfertigen, und dies steht unserem Anspruch von Chancengleichheit diametral entgegen. Deswegen fordern wir, auch wenn es auf viel Widerstand seitens bessersituierter Eltern stoßen wird, die Abschaffung der Gymnasien und eine Schule für alle. Diese Schule hätte die Möglichkeit nicht von vorneherein bessere Schülerinnen und Schüler in ihrer geistigen Entwicklung zu hemmen, wie es derzeit andauernd auf allen Schulformen passiert, sondern könnte mittels Binnendifferenzierung auf alle entsprechend ihrem Möglichkeiten einzugehen. Die Zentralisation der verschiedenen Schularten macht die Verwaltung leichter, nimmt bürokratischen Druck von den Lehrenden und führt dazu, dass bisher nicht gekannte Potenziale für die individuelle Förderung von lernschwächeren und -stärkeren Schüler*innen freigesetzt werden. Die Gemeinschaftsschule ist, wenn sie gut ausgestattet und gefördert wird, ein Erfolgsmodell. Erfahrungen aus Skandinavien zeigen dies mehr als deutlich, und sollten selbst die hiesigen Konservativen zum Wohle aller von diesem Modell überzeugen. Die Öffnung des Bildungssystems ist eine zentrale Voraussetzung, um die soziale Spaltung der Gesellschaft zu bekämpfen. Es genügt jedoch keineswegs, hinreichend Durchlässigkeit und Chancengleichheit herzustellen, da die sozioökonomische Verteilung von Macht und Einkommen nicht hauptsächlich an Schulen und Hochschulen entschieden wird, sondern oftmals „vererbt“ wird. Sozialistische Bildungspolitik kann langfristig nur zum Erfolg führen wenn auch das kapitalistische Wirtschaftssystem mittels systemüberwindender Reformen angegriffen wird.

These 4

Lebenslanges Lernen: Ein immer wichtiger werdender Punkt in einer älter werdenden Gesellschaft ist das lebenslange Lernen. Hierfür müssen von staatlicher Seite Voraussetzungen geschaffen werden. Wichtigste Aufgabe muss es sein, die große Zahl von Menschen ohne Schulabschluss wirkungsvoll dadurch zu bekämpfen, dass selbigen angeboten wird, kostenfrei zumindest einen Hauptschulabschluss nachzuholen. Denn Bildung ist immer noch der entscheidende Faktor für gesellschaftlichen Aufstieg. Für Kinder aus prekären Familienverhältnissen ist es elementar, dass sie auf Angebote von Ganztagschulen zurückgreifen können. Die Ganztagsschule kann als ein Ort der Begegnung zwischen Kindern aus unterschiedlichsten Elternhäusern wirken und fördert damit soziales Handeln, was vielen Kindern derzeit systematisch verwehrt bleibt. Der soziale Kontakt kann die später oftmals stattfindende Vereinzelung und Entfremdung verhindern. Die Angebote für das lebenslange Lernen müssen deutlich verbessert werden. Um sie auch jedwedem Menschen zugänglich zu machen sollte von staatlicher Seite darauf gedrungen werden z.B. VHS- Kurse günstig oder kostenfrei anzubieten. Die Finanzierung der Bildungspolitik durch den Staat sollte in diesem Zusammenhang schnellstmöglich auf den neuen lebenslangen Bildungsbegriff ausgeweitet werden. Als Sozialist*innen sind wir naturgemäß der Ansicht, dass mehr Bildung im Interesse der Allgemeinheit liegt und deswegen mit allen Mitteln zu fördern ist. In diesem Zusammenhang werden wir uns auch weiterhin aktiv beim Projekt „Bildungsstreik Dithmarschen“ einbringen und diesen unterstützen, um Druck auf die Politik auszuüben um eine fortschrittliche, chancengleiche und gerechte Bildungspolitik durchzusetzen.

 

Angenommen auf der Jahreshauptversammlung der Jusos.

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